Liebe Franziska,
Bekannt wurdest Du durch die Fernseh-Casting-Show „Ich Tarzan, Du Jane“. Dort wurde immer betont, dass Du eigentlich angehende Zahnmedizinerin seist. Dennoch hast Du dich gegen deine Konkurrenz von bekannten Musicalschulen bis ins Finale durchsetzen können. Herzlichen Glückwunsch! Seit wann singst Du und wieso hast Du dich damals trotz deines großen Talents für eine Zahnmedizin-Ausbildung entschieden?
Ich singe seit ich denken kann, also seit ich ein kleines Mädchen war :) In meiner Familie wurde immer viel gesungen und als ich dann in die Schule kam, habe ich zunächst das Singen und Schauspiel in der Gruppe (in der Schule und in außerschulischen Theatergruppen), später auch Soloauftritte beim Schulchor für mich entdeckt. Beim Wechsel ans Gymnasium wurde es zunächst für fast zwei Jahre ruhig ums Singen, dafür spielte ich fleißig Klavier und besuchte eine Tanzschule für Standard und Rock’n’Roll.
In der 9. Klasse, also mit 14, trat ich dann in den dortigen Schulchor ein und konnte dort sehr viel meiner bisherigen „Gesangstechnik“ von unserem Musiklehrer und Chorleiter lernen (so richtigen Einzel- Gesangsunterricht hatte ich vor Sept 08 nie). Auch konnte ich mich innerhalb des gymnasialen Chores nach und nach musikalisch entfalten. Auf Schulkonzerten spielte ich zunächst Klavier (Solo oder Begleitung von Solisten), sang Sopran- und Altstimme im Chor und schließlich sang ich auch vermehrt solistisch, denn mit 16 platzte der sprichwörtliche gesangliche Knoten :)
Jetzt dachte ich sogar darüber nach, eine Musical-Schule zu besuchen, wollte unbedingt ans Theater, denn ich entdeckte diese faszinierende Union der drei Sparten Gesang, Tanz und Schauspiel in einem Berufsbild, das ließ mich nicht mehr los. Dennoch steckten meine tänzerischen und gesanglichen Fähigkeiten, so dachte ich, trotz vieler Aktivitäten in diesen Bereichen noch in den Kinderschuhen. Dazu kam, dass meine Eltern damals nicht sehr positiv auf diese mögliche Berufswahl reagierten. So ließ ich den „Traum“ erst einmal in einer Schublade verschwinden und ging meinen Weg bis zum Abitur weiter, dann folgte das Studium. (Ich habe auch nicht wirklich damit gerechnet, dass diese Schublade noch einmal geöffnet wird :)))) Während dieser Zeit hörte ich jedoch nicht auf aktiv zu sein, im Gegenteil, ich lernte meine beiden Band-Kollegen kennen und startete meine mittlerweile fünfjährige „Karriere“ als Frontfrau bei einer kleinen, aber sehr erfolgreichen Cover-Band in meiner Heimat!
In dieser Phase lautete das Motto stets „Learning by doing“, ich konnte dank der tollen Zusammenarbeit in der Band ein vielfältiges Repertoire entwickeln und dank vieler gemeinsamer Auftritte auch in sehr unterschiedlicher Form immer wieder präsentieren...ich glaube, in diesen fünf Jahren steckt der Großteil meiner gesanglichen Entwicklung und bisherigen Erfahrung. Also studierte ich fleißig und recht erfolgreich Zahnmedizin, ein sehr faszinierendes Fach, das mich seit einem Praktikum in einer Zahnarzt-Praxis mit 14 Jahren nicht mehr losließ, und sang nebenbei immer häufiger auf allen möglichen Anlässen in meiner Band --- bis Tarzan in mein Leben flog....
Was waren deine Gründe dafür, dich für eine Casting-Sendung zu bewerben? Warst Du anfangs skeptisch? Was haben deine Familie und deine Freunde zu dieser Entscheidung gesagt?Was ich oben noch nicht erwähnt habe, ist, dass ich mich bereits mit 17 Jahren zur 2. Staffel einer RTL-Casting-Show, sowie wenig später ebenso zur 2. Staffel einer Sat.1-Casting-Show beworben hatte, in beiden Fällen leider mit wenig Erfolg. Das Ergebnis im Hinblick auf „Ich Tarzan, Du Jane!“ war einerseits im Vorfeld eine gewisse Ernüchterung und, ja, Skepsis nach dem Motto:„Ach, noch / schon wieder eine Casting-Show!“, denn ich hatte eigentlich vor, mich nicht mehr bei so einer Produktion zu bewerben, andererseits löste die Tatsache, dass es um zwei Musical (da war er wieder, der Traum von damals...)-Hauptrollen in einem Phil-Collins-Musical ging und dass vor allem die Jury mir ein Gefühl von „Diese Casting Show wird anders...“ gab, dann doch Faszination und „Ich probier’s einfach nochmal!“ aus. Ein anderes Ergebnis meiner vorherigen Casting-Show-Erfahrungen, für das ich sehr dankbar war, als Tarzan begann, war eine gewisse Routine im Umgang mit Kameras, Fragen etc., ich konnte also von Anfang an sehr ruhig bleiben und mich auf die Sache konzentrieren. Ich startete sozusagen schon als „alter Casting-Hase“ in meine Tarzan-Erfahrung....nicht ahnend, wohin das führen würde...
Also bewarb ich mich, was für Freunde und Familie anfangs aufgrund der bereits erwähnten vorherigen Erfahrungen nicht wirklich verwunderlich war.
Beurteilst Du Fernseh-Casting-Shows nun anders? Was erlebt man als Teilnehmer, was Zuschauer vor dem Fernseher nicht sehen?„Ich Tarzan, Du Jane!“ beurteile ich schon anders, weil es einfach auch etwas anderes war, eine andere Welt, wenn nicht sogar eine andere Liga als vergleichbare Fernsehformate. Ich kann und möchte diese Beurteilung jedoch nicht auf andere Casting-Formate ausweiten. Ich habe mich während der Zeit der Produktion sehr wohlgefühlt, nicht zuletzt deswegen, weil ich mit tollen Menschen wie Pia Douwes oder Ratan Jhaveri zusammenarbeiten konnte, dafür bin ich sehr dankbar. Es war einfach eine ganz besondere Erfahrung voller harter Arbeit, Tränen und Angst bei Proben und Trainings, aber auch eine sehr wertvolle künstlerische und menschliche Erfahrung.
In solch einer Extremsituation wie z.B. der allerersten Vorbereitung eines Auftrittes in einer TV-Live-Sendung innerhalb kürzester Zeit, in der man im Bereich Location, Ton- und Lichttechnik, Band, Kostüm, Kameras, Regie und natürlich schauspielerischer Performance der Songs etc. völliges Neuland betritt, in solchen Situationen lernt man einfach viel über sich selbst und natürlich auch über andere. Da liegen die Nerven schonmal blank. In solchen Momenten waren die anderen Kandidaten, die Jury, das ganze Team zur Unterstützung da. Man erlebt einfach einen ungeheuren Gruppenzusammenhalt, denn wir waren bei den Proben und auch kurz vor und während der Show alle gemeinsam füreinander da, gemeinsam nervös, gemeinsam traurig oder froh. Das war schon toll.....
Wie ging es nach dem Finale von „Ich Tarzan, Du Jane“ weiter?
Nach dem ITDJ-Finale habe ich zunächst für die Rolle der „Sophie“ in der Berliner Produktion von „Mamma Mia!“ vorgesungen. Ich kam bis unter die letzten 4, dann entschied man sich leider aufgrund meiner (noch) fehlenden Bühnenerfahrung gegen mich. Außerdem absolvierte ich erfolgreich die Audition für die Gala-Tournee-Produktion „Musical Fieber“, mit der ich derzeit auch unterwegs bin.
Dann bekam ich die Chance, ab September ein dreimonatiges Stipendium an der „Joop-van-den-Ende-Academy“ in Hamburg zu absolvieren. Das tat ich natürlich auch!! Während dieser Zeit sang ich für die deutschsprachige Produktion von „Spring Awakening“ sowie für „Dirty Dancing“ vor, kam beide Male bis in die Endrunde, es reichte aber am Ende doch nicht ganz. Im Dezember dann sollten die Proben, anschließend die Premiere von „Musical Fieber“ stattfinden. I
ch ergriff jedoch vor Ablauf der Academy-Zeit die Initiative und erkundigte mich nach einer Verlängerung meiner Ausbildungszeit dort --- mit Erfolg! Derzeit kann man mich in meinem ersten Bühnenprojekt „Musical Fieber“ erleben, nach Abschluss dieses Projektes werde ich eine reguläre Ausbildung an der JvdE-Academy beginnen! Im November 2008 habe ich gemeinsam mit Friedrich Rau, ebenfalls Kandidat unserer Casting-Show, ein eigenes Gala-Musical-Programm anlässlich eines Engagements eines bayerischen Unternehmens auf die Bühne bringen können. Im Januar 2009 durfte ich dann an der seiner Seite sowie der von Pia Douwes und den Gewinnern der ZDF-Casting-Show in München im Rahmen der Star-Entertainment-Produktion „Pia Douwes präsentiert Musical Stars“ auftreten. Stolz!
Wow, das ist echt beeindruckend! Nun wirst Du ja in der „Musical-Fieber“-Tournee teilnehmen. Was ist das Programm und was reizt dich so sehr daran?
Das Programm unserer bundesweiten Gala-Tournee „Musical Fieber“ ist ein bunter Mix aus bekannten und brandneuen Musical-Melodien. Von „Aida“ bis „Wicked“ ist so ziemlich jedes in Deutschland populäre Musical in unserem Programm vertreten, natürlich auch „Tarzan“, präsentiert von einem 11-köpfigen Gesangs- und Tanzemsemble sowie einer Live-Band. Farbenreiche Kostüme und stimmungsvolle Lichttechnik entführen uns und den Zuschauer jede Vorstellung aufs Neue in die fantastische Welt des Musicals.
Ich habe damals über einen Freund von der Audition gehört und die Chance einer ersten Bühnenerfahrung natürlich gern wahrgenommen --- mit Dankbarkeit und Erfolg! Ich möchte diese Zeit nicht im geringsten missen, denn ich denke, eine Tournee mit 50 Vorstellungen in knapp 4 Monaten als Solistin als ersten richtigen „Job“ machen zu können ist eine wertvolle Erfahrung und besondere Herausforderung, an der sich durchaus prüfen lässt, ob man wirklich für den Job des Musical-Darstellers gemacht ist :) Ich bin froh, dass ich diese Herausforderung annehmen und bestehen durfte!
Am 3. April 2009 werdet ihr in Alttröglitz euer Tourneeprogramm präsentieren und noch ein Musical-Talent suchen, das euch dann treffen und begleiten darf. Wie fühlt es sich an, auf einmal prominent zu sein? Hat sich in deinem Leben seit der Casting-Show viel geändert?Richtig, in jeder Show hat ein Nachwuchs-„Talent“ aus dem Spielort oder der umliegenden Region die Chance, sein Können sozusagen „auf einer Bühne mit den Profis“ unter Beweis zu stellen. Für jeden Spielort wurden die Talente gesondert gecastet, der/die Gewinner/in darf dann natürlich auch Backstage dabei sein. „Prominent“ bin ich da eigentlich in den seltensten Fällen noch, inzwischen erkennt man mich nicht mehr so häufig. Dennoch, in der Zeit nach der Casting-Show, wenn ich dann mal ein Theater besucht habe, um mir selbst die aktuellen Musicals in Deutschland mal anzuschauen, oder bei Auftritten mit meiner Band in meiner Heimat, da wurde ich schon oft erkannt und um ein Autogramm gebeten. Und ich muss sagen, es fühlt sich wirklich gut an, wenn (meist fremde) Menschen auf dich zukommen und glücklich sind, dich zu treffen und dich und das, was du machst toll finden! Das macht mich unheimlich stolz, da gebe ich auch gern geduldig Antworten auf alle Fragen...Ich bin sehr dankbar für all diese Erfahrungen!
Oh, mein Leben wurde durch diese Casting-Erfahrung auf den Kopf gestellt. Noch vor einem guten Jahr Zahnmedizin-Studentin kurz vor Ihrer Zwischenprüfung, die am Wochenende und in den Ferien in einer Band gesungen hat...jetzt ist alles anders...die Schublade wurde geöffnet durch mich selbst und viele andere tolle Menschen...und jetzt ist er da, der Traum, so groß und so präsent wie nie zuvor...und nun werde ich ihm folgen und für ihn kämpfen!
Was würdest Du anderen StagePoolern bezüglich einer Teilnahme an Casting-Shows empfehlen?
Wer Lust und Interesse an aufregenden Erfahrungen hat, der sollte sich bei so einer Produktion einfach mal bewerben, wer weiß!? Für mich war es eine ganz besondere Erfahrung, die mein Leben entscheidend verändert und geprägt hat...aber diese Erfahrung sollte jeder selbst machen...just be yourself!
Vielen Dank, liebe Franziska, für das wunderschönes Interview. Wir wünschen dir auf deiner Tour viel Erfolg und noch mehr Spaß!
Fotos ⓒ Frank Dicks, Oliver Mark und Thomas Scheulen