StagePoolerin Sissy hat in vielen namhaften und bekannten Musical- und Theaterproduktionen mitgewirkt.
Über ihre vielen Engagements berichtet sie uns hier.
Über StagePool hast Du die Rolle der Madame Thénardier in „Les Misérables“ in Füssen/Xanten bekommen. Wie kam es zu dieser tollen Rolle?
Das war wieder mal Schicksal, wie so oft in unserem Beruf. Eigentlich wäre ich zu dieser Zeit gar nicht frei gewesen. Ich sollte auf Tournee sein mit KISS ME KATE. Diese Produktion wurde aber völlig unerwartet abgesagt – ein Schlag für mich und circa 30 weitere Kollegen, denn wir hatten uns für den Sommer nirgends mehr beworben, da wir der festen Überzeugung waren, bereits ein Engagement zu haben. Auch der Regisseur fiel aus allen Wolken, wir konnten es alle nicht fassen.
Nun hängte ich mich erst einmal ans Telefon und den Computer, denn ich liebe es zu arbeiten und mag keine langen Pausen. Ohne Arbeit bin ich irgendwie nur halb. Ich habe öfter versucht, privat und beruflich zu trennen, aber es geht nun mal bei mir nicht, denn ich spiele alles sehr intensiv. Wenn ich eine Rolle erarbeite, träume ich sogar als diese Person. Dann werden ich und „die Andere“ eines. Dadurch entsteht sicher bei vielen Künstlern die individuelle Rollengestaltung, man gibt viel von sich selbst. Aber das ist ein wunderbares Gefühl und immer wieder auf’s Neue spannend.
Um auf „LES MISERABLÉS“ zurück zu kommen: Ich sichtete also täglich die STAGEPOOL-Seite, was ich zwar sonst auch tue, aber nun hoffte ich wirklich für den Sommer ein Ersatz-Engagement zu finden. Und siehe da – plötzlich war die Audition für „LES MISERABLÉS“ ausgeschrieben und ich schickte meinen Digi-CV los. Kurz darauf kam schon die Antwort und ich wurde zur Audition eingeladen.
Dort ging dann alles sehr schnell. Regisseur Georg Malvius sagte mir spontan, er könne sich keine bessere Mme Thenadiér vorstellen. Auch Produzent Walter Schürmann war sehr angetan und so war ich praktisch schon am Tag der Audition engagiert. Wenige Tage später wurde der Vertrag gemacht.
Beschreibe uns deine Zeit mit dem „Les Mis“-Ensemble. Was bedeutet dir dieses Stück? Ist es anstrengend, Abend für Abend so eine „lustige“ Rolle spielen zu müssen?
Es ist in unserem Beruf besonders spannend und interessant, dass wir oft weit herum kommen und immer wieder neue, interessante und liebenswerte Menschen, andere Nationalitäten, kennen lernen. So war es auch bei „LES MISERABLÉS“. Unser Ensemble war bunt gemischt. Esten, Deutsche, Schweden, Norweger und ein Amerikaner.
Die Proben fanden in Tallinn/Estland statt, woher auch das Orchester stammte. Tallinn ist eine wunderschöne Stadt, vor allem die Altstadt. Wir hatten täglich Proben von 11.00 Uhr bis 15.00 Uhr und dann von 18.00 Uhr bis 22.00 Uhr. So hatte ich schon auf dem Weg vom Hotel zum Theater und zurück viele Gelegenheiten, Land und Leute kennen zu lernen, was sich dann natürlich im Ensemble fortsetzte. Die Esten sind – wie oft die Osteuropäer – ein handfester, warmherziger Menschenschlag, was ich sehr gern habe. Und diese Kollegen waren äußerst fleißig; schon die Kinder, die Cosette, Eponine und Gavroche spielten, waren von beeindruckender Disziplin
Das gesamte Ensemble war künstlerisch auf höchstem Niveau, auch menschlich habe ich mich sehr wohl gefühlt. Georg Malvius hatte ein gutes Gespür bei der Auswahl der Künstler.
Unsere Umgangssprache war – wie meistens in internationalen Casts – englisch, auch die Proben wurden in Englisch gehalten. Wir haben zwar auch Deutsch gesungen, aber so haben eben alle sofort die Anweisungen des Regisseurs verstanden. Auch privat war das am Einfachsten.
Ich bin immer dankbar dafür, neue tolle Menschen und Künstler zu treffen und ich habe die Zeit in diesem bunt gemischten Supercast sehr genossen.

Ich persönlich wachse im Laufe der Zeit immer mehr in die Rolle einer Art „Ensemble-Mutter“ hinein. Das liegt zum Teil an meiner langjährigen Berufserfahrung, aber auch daran, dass ich gerne Zuneigung gebe. Ich habe für jeden ein offenes Ohr und es macht mir Freude, wenn Kollegen Nähe und Wärme bei mir suchen. Man kann auch oft beruhigen, wenn eine Probe missglückt oder irgendwelche Schwierigkeiten auftauchen. In 19 Berufsjahren habe ich das alles schon oft erlebt und weiß genau, dass es zwei Tage später immer schon ganz anders aussieht. Darum rege ich mich über vieles gar nicht auf und glücklicherweise gelingt es mir meist, diese Gelassenheit an andere weiter zu geben.
Ich finde, als erfahrene Kollegin hat man in so einer Ensemblefamilie auch irgendwie Verantwortung, vor allem gegenüber den ganz Jungen; die werden geprägt von uns „alten Hasen“. Mir erging es selber so, am Anfang meiner Karriere und ich bin so dankbar dafür, dass sich auch um mich liebe, erfahrene Kollegen angenommen haben.
Die Arbeit mit Georg Malvius war sehr intensiv. Ich habe mich riesig darüber gefreut, endlich einmal Mme Thenadiér zu spielen, zumal sich das auch Termingründen zuvor schön öfters zerschlagen hatte. So ist das eben manchmal, man bekommt ein tolles Angebot und ist aber schon anderweitig besetzt. Aber für alles kommt die Zeit und so hat es jetzt auch mit Mme Thenadiér geklappt.
LES MISERABLÉS ist ein Juwel unter den Musicals – die wunderbare Musik, die Aussage des Stückes. Meinen Lieblingssatz singt Valjean als er stirbt. „Zu lieben einen Menschen, heißt, das Antlitz Gottes seh’n“. Ich bin ein sehr gläubiger Mensch und ich schöpfe auf meinem Glauben auch viel Kraft für meinen Beruf. Daher bin ich auch von der religiösen Aussage dieses Satzes so angetan.
Ich war sehr froh darüber, dass Georg Malvius die Rolle der Mme Thenadiér mit mir individuell erarbeitet hat, sowohl schauspielerisch, als auch gesanglich. Ich finde, jeder Künstler sollte eine Rolle mit seiner ureigenen Persönlichkeit und Präsenz gestalten, ohne sich in Klischees zu fügen. Ich habe mit großer Freude alle Vorstellungen in Füssen und Xanten gespielt.
Die Thenadiérs lockern die dramatische Handlung mit ihren komödiantischen Szenen immer wieder auf, das Publikum hat also auch etwas zu lachen. Dabei sind die Thenadiérs ja im Grunde gar nicht zum Lachen, das ist auch so interessant an diesen Rollen – die Szenen komödiantisch rüber zu bringen, obwohl man einen sehr bösen Menschen spielt. Ich hatte ein Requisit, das mir sehr geholfen hat, ein kleines Messer an meinem Kostüm. Nun habe ich mir immer gedacht: Damit schälst Du die Kartoffeln, benutzt es aber auch für die Raubüberfälle als Waffe und letztendlich isst Du auch damit. Makaber, aber so stelle ich mir Mme Thenadiér vor. Für mich ist sie aber auch eine sinnliche und lebensfrohe Frau, das habe ich bewusst so gespielt.
Große Freude hatte ich auch an der Aufgabe als Kindercoach. Das ergab sich während der Proben. Georg Malvius bemerkte, dass ich gut mit Kindern umgehen kann und fragte mich, ob ich mit den Kindern proben und sie hinter der Bühne betreuen möchte. Das tat ich sehr gerne, denn ich liebe die Arbeit mit Kindern.
In den letzten Jahren hattest Du sehr, sehr viele Engagements. Rollen bei „Kiss me Kate“, „Falco meets Amadeus“, „Elvis – die Show“, Solokonzerte – nur um einmal ein Paar zu nennen. Was ist das Geheimnis hinter diesen vielen Projekten? War jedes einzelne Projekt harte Arbeit oder kam dir alles zugeflogen?
Das ist ganz unterschiedlich. Für manche Engagements muss man viel Neues zur Audition vorbereiten und weite Reisen unternehmen. Anderes fliegt einem wirklich zu, indem man auf der Bühne von einem Regisseur oder Produzenten gesehen wird. So entstanden auch meine letzten Engagements und die jetzige Tournee mit der Operettenbühne Wien. Deren Direktor, Professor Heinz Hellberg, sah mich 2006 bei den Luisenburg-Festspielen in „KISS ME KATE“. Auch die Luisenburg kam mir übrigens „zugeflogen“, weil mich Intendant Michael Lerchenberg auf der Bühne und auf einem Video gesehen hatte.
Aber nun auf mein jetziges Engagement zurück zu kommen: Anfang 2007 habe ich eine Tournee mit der Operette „Der Graf von Luxemburg“ mitgemacht. Während dieser Tour hat mich Heinz Hellberg für „Zwei Herzen im Dreivierteltakt“ und im Anschluss daran für „Ein Walzertraum“ engagiert.
Meine jetzige Rolle in „Zwei Herzen im Dreivierteltakt“ gibt es im Originallibretto so nicht. Lediglich der Name „Mizzi Reitmayer“ ist gleich, ansonsten hat Heinz Hellberg die Rolle für mich komplett neu geschrieben, mit Genehmigung des Erben von Komponist Robert Stolz wurde das Libretto umgestaltet. Natürlich ist es großartig, wenn einem eine Rolle so auf den Leib geschrieben wird. Das bietet tolle Möglichkeiten für die Rollengestaltung, den Gesang und den Tanz. Das Stück kommt super an. Für mich persönlich ist es ebenfalls ein Riesenerfolg und ich freue mich schon auf die nächste Tournee mit „Ein Walzertraum“ im Januar 2008. Darin spiele ich die Schlagzeugerin einer Damenkapelle – die „Tschinellen-Fiffi“
Natürlich mache ich auch viele Auditions, das gehört eben dazu. Vor allem meine Ausbildung war harte Arbeit. Ab dem sechsten Lebensjahr Ballettausbildung – zwölf Jahre lang. In dieser Zeit kamen aber auch Stepp, Jazz Dance, Modern Dance, Folklore (besonders meine Leidenschaft Spanischer Tanz mit Kastagnettentechnik) und dann noch Gesang und Schauspiel hinzu. Das heißt, ich ging vormittags in die „normale“ Schule, anschließend sofort zur Ausbildung, bis in den späten Abend hinein. Nachts habe ich Hausaufgaben gemacht. Unglaublich, was man alles schaffen kann, wenn man nur will. Und ich „wollte“ unbedingt, schon als kleines Kind wusste ich, dass ich auf die Bühne gehöre. Meine Eltern haben mich dabei in jeder Weise unterstützt – Papa bis zu seinem Tod und Mama nimmt auch heute noch großen Anteil an all meinen künstlerischen Aktivitäten. Dafür bin ich unendlich dankbar.
Aber bei aller Unterstützung von zu Hause war der Weg weit vom Kinderballett bis zu meinem ersten Engagement als 18-jährige. Das war harte Arbeit, aber es hat sich gelohnt, ich würde immer wieder diesen Weg gehen.
Mein „Geheimnis“ ist also meine leidenschaftliche Liebe zu meinem Beruf und das niemals Aufgeben. Jeder Schritt weiter ist eben ein Schritt weiter!
An welches Projekt denkst Du am Liebsten zurück?
Das ist schwer zu beantworten, weil so viele schöne und bereichernde Projekte dabei waren. Ich kann sagen, dass alles genau zur richtigen Zeit kam und ich aus allem etwas lernen konnte.
Nun, besonders aufregend waren sicher zwei Frankreich-Tourneen und ein mehrwöchiges Gastspiel in Paris mit „BAGDAD CAFÉ“, dem Musical nach dem Film „OUT OF ROSENHEIM“. Für dieses Projekt hatte mich der französische Produzent in einen Crash-Kurs für Französisch geschickt. Das war ganz schön hart, so schnell eine Sprache zu lernen. Wir spielten zwar in englischer Sprache, aber für die Promotions und Interviews war es in Frankreich sehr wichtig, die Landessprache zu können. Da geht den Franzosen das Herz auf. Ich war beim ersten Fernsehinterview schrecklich aufgeregt – und dann klappte alles wunderbar. Darüber habe ich mich schon sehr gefreut. Seit dieser Zeit liebe ich Paris und die ganze Lebensart dort. Dazu muss ich aber auch sagen, dass ich ein echtes Münchner Kindl und immer wieder froh bin, zwischen den Engagements in meiner bayerischen Heimat auszuspannen.
Stimmst Du Agenturchefin Kiera Bahl (vorletztes Interview) zu, dass viele Künstler nicht genügend Arbeit in Ihre Bewerbungen stecken? Und dass einige Künstler nicht bereit sind, hart für Ihre Jobs zu arbeiten, indem man immer wieder neu zu Auditions und Castings geht?
Darüber habe ich schon nachgedacht, als ich das Interview von Kiera Bahl las – ja, da stimme ich ihr voll zu. Ich habe Kollegen, die wunderbare Menschen sind, liebenswert und hoch talentiert – aber leider zu nachlässig oder zu phlegmatisch. Da habe ich mir schon den Mund fransig geredet um zu helfen, aber letztendlich muss derjenige die gut gemeinten Ratschläge selber umsetzen,
Ein großer Fehler ist es, aus falschem Stolz nicht auf Auditions zu gehen. Jeder Mensch ändert sich, es ist eine rein technische und formale Sache zu zeigen. „Hallo, es gibt mich noch, ich bin gut und habe mich weiter entwickelt. Ich mache eine Audition für Euch, weil es schön wäre, mit Euch zu arbeiten!“ Daran ist nichts peinlich oder unangenehm. Gut, vielleicht passt man gerade nicht für dieses Projekt, aber das Team behält einem in positiver Erinnerung.
Kiera Bahl hat auch darüber gesprochen, dass viele Künstler ihr Alter verheimlichen, aber es kommt sowieso irgendwann heraus. Ich habe Euch schon gesagt, dass ich mit 18 Jahren anfing zu arbeiten und jetzt 19 Jahre im Beruf bin, ist also einfach auszurechnen. Ich kann und will ja nicht behaupten, dass ich als Baby auf Tournee war.
Außerdem glaube ich, dass wir uns mit dem ewigen Jugendlichkeitsstreben selber unnötig unter Druck setzen. Wenn ein Künstler oder eine Künstlerin eine super Leistung erbringt und eine tolle, positive Ausstrahlung hat, sieht man zuerst das und nicht das Geburtsdatum. Ob man dann typmäßig für eine Rolle geeignet ist, hängt bestimmt nicht nur vom Datum im Ausweis ab.
Wie gefällt dir das Konzept von StagePool? Nutzt Du neben der Jobsuche auch anderen Service (Kontaktknüpfungen, Interviews, Branchennews…)?
Ich finde StagePool super, vor allem auch wegen der Vielfältigkeit der Annoncen. Ich habe bisher hauptsächlich auf der Bühne gearbeitet, aber auch schon für das Fernsehen gedreht. Der Film- und Fernsehbereich interessiert mich sehr und auch hier bietet StagePool viele Angebote. Neben der Jobsuche lese ich gerne die Interviews; die Sichtweite anderer Kollegen ist immer sehr interessant. Überhaupt ist der Austausch untereinander wichtig und informativ. Auch die Branchennews sind immer lesenswert. Beim Lesen bekommt man so manchen Denkanstoß für die eigenen Aktivitäten.
Damit Künstler zu Beginn ihrer Karriere von deiner Erfahrung profitieren können: Was kannst Du ihnen mit auf den Weg geben?
Glaubt an Euch selbst und gebt nie auf, so schwer es auch manchmal sein mag. Bleibt sehr selbstkritisch und gebt Euch nie mit einer halben Leistung zufrieden. Auch sollte man für alles offen sein und nie sagen „Das kann ich nicht!“ Wenn man etwas noch nicht kann, dann lernt man es. Ein guter Regisseur oder Choreograph wird nichts Unmögliches von Euch verlangen. Ich werde jetzt zum Beispiel im Tourneebus von unserer Schlagzeugerin gleich für meine nächste Rolle im Januar gecoacht – ich spiele ja die Schlagzeugerin eines Damenorchesters.
Auch beim Zuschauen kann man viel lernen. Ich genieße es immer, mit tollen Kollegen zu arbeiten, man trägt sich gegenseitig, und das macht die Qualität einer Produktion aus.
Vielen Dank für das Interview, Sissy. Wir wünschen dir noch viel Freude bei Les Misérables und viel Erfolg für deine weiteren Projekte!
Ich danke Euch! Alles Liebe und macht weiter so!