Liebe Kiera,
nachdem wir bereits viele Interviews mit Schauspielern, Musicaldarstellern und Choreographen geführt haben, freuen wir uns, dass Du uns als Agenturchefin einige Fragen beantworten wirst.... hoffentlich profitiert der ein oder andere Künstler von deinen Anregungen.
Tja, Du bist genau eine der Personen, die von vielen Künstlern respektiert, erwünscht aber auch gefürchtet wird. Du bist Geschäftsführerin von einer Nachwuchsagentur. Erzähl uns doch einmal bitte von deiner Agentur MITTEKIND und der Arbeit einer Agenturchefin.
Vor mir muss man sich nicht fürchten. Man sollte mich als eine Art Freundin betrachten. Es ist eine Zusammenarbeit, die auf Gegenseitigkeit beruht.
Meine Arbeit ist ein mehr als 24 Stunden-Job. Man hat manchmal 20 Projekte parallel laufen. Die einen hat man vorgeschlagen für ein Casting, für andere terminiert man, die nächsten drehen, an verschiedenen Orten, in verschiedenen Länder, Spielfilm, Serie, Dokumentation. Das ergäbe ein heilloses Durcheinander, wenn man nicht sehr diszipliniert arbeiten würde. Und das tue ich. Dieser ganze Wahnsinn beginnt um 6 Uhr mit Aufstehen; wenn meine Kinder in der Schule sind, dann erledige ich dringende Schreibarbeiten, sichte und schneide Bänder, vervielfältige Demos, bearbeite Fotos, relaunche die Website etc. Ab 10 Uhr, manchmal früher, klingelt das Telefon ohne Unterlass. Zwischendurch caste ich neue Bewerber, mache Set-Besuche, rede mit den Darstellern am Telefon über ihren Drehtag, über Privates, beschwichtige Eltern, wenn sie mal etwas länger beim Casting warten mussten, schreibe Rechnungen, lese Drehbücher, suche passende Vorschläge für Rollen, schimpfe mit Schauspielern, weil sie keine Fotos bringen, suche geeignete Schauspielfotografen, handele für meine Leute Preise aus, tröste ein Kind, weil es die Rolle nicht bekommen hat, vermittele einen Nachwüchsler für ein Coaching, weil ihm ´ne schwierige Rolle bevorsteht, schicke erwachsene Darsteller zu Werbecastings, zwischendurch essen kochen, mit den Kids Hausaufgaben machen, Tischtennis spielen, einkaufen, putzen, abends wenn die Jugend im Bett verschwunden ist, wieder an den Schreibtisch….noch Fragen? Aber es macht Spaß wenn man Darsteller besetzt hat und es ist spannend, weil jedes Projekt einzigartig ist und es ist absolut meine Welt, sowohl vor als auch hinter der Kamera. Es macht mir Spaß, Gagen zu verhandeln, neue Kollegen kennenzulernen und auch alte wiederzutreffen, die ich aus meiner früheren Zeit kenne, als ich selber Klinken putzen war. Ich habe gern Erfolg, es ist ein gutes Gefühl. Weil ich weiß, dass der Erfolg eine Konsequenz meiner Hartnäckigkeit ist, in diesem Geschäft bestehen zu wollen.
Du inserierst auch bei StagePool. Wenn Du Bewerbungen auf deine hochwertigen Ausschreibungen per E-Chiffre erhältst und einen ersten Blick auf die Bewerbungen wirfst – was sind deine Gedanken?
Ja, wenn wir zum Beispiel speziell nach jemandem suchen, dem wir eine Chance für ein Projekt geben wollen. Einerseits freue ich mich über zahlreiche Bewerbungen, andererseits muss ich mir wieder und wieder Bewerbungen ansehen, die nicht auf meine angefragte Rollenbeschreibung passen. Das nervt mich entsetzlich und stiehlt mir meine sehr wertvolle Arbeitszeit. Mein erster Blick geht auf das Foto. Wenn mich das nicht überzeugt, klicke ich sofort weiter. Falls mein Interesse geweckt ist, schaue ich auf das Geburtsdatum.
50% der Leute bei Stagepool haben kein Geburtsdatum stehen. Diese Leute haben bei mir keine Chance, ich klicke sofort weiter, denn ich habe keine Zeit, jeden einzelnen anzurufen und zu fragen, wie alt er ist. Das Spielalter interessiert mich nicht. Wenn Foto und Alter stimmen, speichere ich meistens oder gehe noch mal auf die Website, sofern vorhanden oder schaue kurz in die Vita und schreibe die Darsteller danach direkt an.
Was denkst Du sind die Gründe dafür, dass viele Künstler sich kaum Mühe machen ein ordentliches Bewerbungspaket herzustellen? Ist es Faulheit? Mangel an Geld? Mangel an Erfahrung? Gar Dummheit?
Ich denke, es ist ein wenig von jedem. Wenn man nicht 100%ig dahinter steht, wenn man denkt, die gebratenen Tauben fallen einem von selbst in den Mund. Ich hatte Darsteller in der Agentur, das waren bezaubernde Menschen mit Ausstrahlung. Ich habe sie mehrere male darauf hingewiesen, dass ich gute Fotos brauche. Das ist das erste was ein Agent, Caster, Besetzer, Produzent zu sehen , bekommt. Es entscheidet ein Bruchteil einer Sekunde, ob man auf einen Stapel oder in die Tonne wandert. Ich hätte diese Darsteller auf Grund der Anfragen oft vorschlagen können. Konnte ich aber eben nicht, sodass eine Zusammenarbeit schlichtweg unmöglich war.
Was könnten Künstler, bzw hier ganz konkret einige StagePooler, machen um eine qualitativ gute Mappe (online oder auch auf Papier) herzustellen? Wie sähe für dich eine optimale Bewerbung aus? Was geht gar nicht in einer Bewerbung?
Ich habe vor vielen Jahren einen Computerkurs auf der VHS gemacht, da hab ich den Grundstein gelegt zu dem, was ich heute kann.
Standardausreden sind:
- „Ich habe kein Geld!!!“
- „Ich weiß nicht wie man mit einem Computer umgeht.“
- „Ich habe kein Geld!!!“
- „Ich habe keine Emailadresse.“
- „Ich hab kein Geld!!!“
- „Ich habe keinen Computer.“
- „Ich hab kein Geld!!!“
- „Ich weiß nicht wo ein Internetcafé ist.“
- „Ich hab kein Geld!!!“
- „Was ist denn Word?“
- „Ich hab kein Geld!!!“
- „Wie soll ich denn meine Fotos hochladen?“
- „Ich habe kein Geld!!!“
Man kann sich heutzutage informieren, was eine Bewerbung benötigt. Zuallererst und als Wichtigstes, wie ich hier öfter anspreche, ist ein FOTO. Ein Superfoto, auf dem der Künstler genauso aussieht, wie im richtigen Leben. Natürlich ein wenig geschminkt, auch etwas arrangiert, aber immer noch natürlich, vielleicht lachend, vielleicht ernst. Ein gerader Blick in die Kamera hilft sehr. Viele Fotografen möchten sich verständlicherweise einen Wiedererkennungswert schaffen, der aber zu Lasten der Künstler geht, d.h., kunstvoll arrangierte Kunstfotos, wo keine Persönlichkeit mehr vorhanden ist, sondern es nur noch um DAS Foto geht.
Es ist eigentlich so einfach. Ich arbeite selber noch als Schauspielerin, viel auch in der Werbebranche. Meine letzten Fotos haben mich über 1000 Euro gekostet. Die brauche ich aber um mich vorzustellen. Das Geld hat man meistens bei nur einem bezahlten Jobs wieder raus. Ich kann die Geschichten wirklich nicht mehr hören, wenn jemand sagt: Ich habe kein Geld. Dann muss man es besorgen, verdienen, jobben, bis man sich Fotos leisten kann. Erst DANN kann man ordentlich arbeiten.
Ich habe eine Liste von Fotografen zusammengestellt, habe bei denen Sonderpreise für meine Darsteller ausgehandelt. Es war für jede Preisklasse etwas dabei. Die Wenigsten Darsteller haben diesen Service genutzt. Die meisten lassen ihre Freundin mit der Digitalkamera schnell ein paar Shoots machen und meinen dann, damit bekämen sie die großen Jobs. Dem ist nicht so. Die meisten erzählen mir private Geschichten, warum sie gerade keine Geld haben. Manche erzählen mir das Monate lang. Diese Darsteller sind Kartei-Leichen, für die ich nichts tun kann.
Ein paar kurze Angaben zu Alter, Größe, Haarfarbe, Augenfarbe, Sprachen, besondere Kenntnisse wie Sportarten oder Instrumente. Und die Ausbildung. Wichtig auch die praktischen Erfahrungen, übersichtlich nach Art der Tätigkeit geordnet. Aktuelle Tätigkeiten oben. Jahreszahl, Regisseure und Rollennamen sowie Filmproduktionen.
Kein Interesse haben ich an Informationen, welche Schulen der Künstler besucht hat, was seine Eltern von Beruf sind, welche privaten Vorlieben er hat.
Wenn Du die Möglichkeit hättest, vor allen „Künstlern“ dieser Welt zu sprechen – was würdest Du ihnen gerne einmal sagen? Was liegt dir schon lange auf dem Herzen?
Was ich mir wünschen würde, dass alle, die diesen Beruf ausüben, trotz all den Widrigkeiten, mit dem Herzen dabei sind, sich gut vorbereiten und hart an sich arbeiten. Und dass diejenigen, die es „geschafft“ haben, die, die man „kennt“ in der Branche, den anderen helfen und Mut machen.
Dass Schauspieler, wenn sie am Set sind, bedenken, dass sie alle, die daran beteiligt sind, brauchen und respektvoll mit denen hinter der Kamera umgehen.
Dass man sich einen guten Background schaffen soll, Freunde und Familie hat, wo man sich geborgen fühlt. Dass man mit dem Bewusstsein lebt, privilegiert zu sein, wenn man Arbeit hat.
Sind Künstler einfach zu idealistisch? Verstehen sie einfach nicht, was es heißt schon vor einem Job für einen Job zu arbeiten und sich vernünftig zu bewerben?
Zu dem Talent und einer Ausbildung, sei es durch Schule oder Praxis gehört immer auch Glück, im richtigen Moment jemanden zu treffen, der an einen glaubt. Dann bekommt man auch die Rollen, die man sich erträumt. Das gilt aber nur für einen Bruchteil der Schauspieler auf dem Markt. Alle anderen müssen hart dafür kämpfen, überhaupt zu einem Casting eingeladen zu werden. Dafür müssen die Bewerbungsunterlagen einfach immer Top und auf dem neuesten Stand sein.
Was können die Künstler und wir von StagePool tun um den Agenturen entgegen zu kommen?
Ich würde mich freuen, wenn es PFLICHT wäre, sein Geburtsdatum einzutragen. 4 Fotos sind ausreichend, die sollten aber einem gewissen Standard entsprechen, dass heißt, ein bis drei vernünftige AKTUELLE Portraitfotos und eins, wo man die Figur des Darstellers sieht.
Auch wäre es wichtig, dass es einen Standard gibt, der ein Mindestmaß an Ausbildung oder Praxis vorweist. Es sei denn, die Leute sind 18 und beginnen gerade, sich zu orientieren.
Es sollte Pflicht sein, einmal pro Jahr die Fotos zu aktualisieren.
Es ist ja nicht so, als ob Du die Seite eines Künstlers nicht verstehen würdest, schließlich warst und arbeitest Du ja immer noch hin und wieder an verschiedenen Projekten. Hätte dir die heutige Erfahrung auch schon damals geholfen?
Natürlich! Ich hatte niemanden, der mich an die Hand genommen hat. Ich bin mit 16 einfach los gegangen, weil ich gemerkt habe, da gibt es noch mehr als diese miefige Kleinstadt. Ich habe meinen Weg konsequent beschritten, auch wenn es sehr hart war. Ich bin ja als Schauspielerin jetzt nicht so wahnsinnig „berühmt“, wie das andere schon mit 20 sind. Ich kämpfe immer noch um jeden Job, aber ich bin sehr diszipliniert. Ich habe schon viele Jobs gemacht, angefangen von Theaterspielen ohne Geld über Theaterpädagogik mit Kindern, Studium an der Hdk, Schauspielausbildung, nebenbei die Kinder, ich habe zwischendurch immer Jobs gemacht wie Kellner, Schmuck verkaufen, etc. Es waren harte aber auch lustige Zeiten. Heute habe ich meine Agentur, mache selber viele Fotoshootings, Werbung und freue mich immer noch über jeden Drehtag, den ich bekomme. Denn auch ich bin immer noch abhängig von Castern und Besetzern, die sich für mich oder eben jemanden anderen entscheiden können. Ich habe im Laufe der Jahre drei Kinder groß gezogen, die teilweise besser im Filmgeschäft etabliert sind. Der Kleinste hat eben mit Tom Cruise gedreht, da habe ich schon große Achtung davor und eine gute Sensibilität. Die Kinder aus meiner Agentur lernen heute schon, was es bedeutet, mit Absagen umzugehen und können so auf ihrem Weg entscheiden, ob es für sie das richtige ist. Aber wenn man sich dafür entscheidet, muss man kämpfen und wissen, wohin man will. Und was man eben braucht, um dabei zu sein. FOTOS!
Vielen Dank für deine eindringlichen Worte!!! © Photos: Sylke Gall
Gerne nehmen wir die Anregungen an und möchten auf unseren Kundenservice hinweisen, der zur Verbesserung der Bewerbungsunterlagen inklusive Multimediacenter helfend zur Seite steht!
kundenservice@stagepool.com oder 0221-2712350